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OELSNER VITA / BAUTEN


Lebenslauf

Gebäude in HH - Altona

Wohnungsbauten
Bahrenfelder Steindamm
Rathenaupark “Moltkeblock”
Augustenburger / Kieler Str.
Koldingstraße
Lunapark
Helmholtzstraße
Schützenstraße
Luruper Chaussee
Steenkamp-Siedlung
Rulantweg
Otzenstraße

Wohlfahrtsbauten
Schwesternwohnheim
Arbeitsamt Kieler Straße
Gewerbeschule
Pestalozzi-Schule

Gebäudeverlust





           

H E L M H O L T Z S T R A S S E


 
Baujahr: 1927/28
Stadtteil: Ottensen
Straße: Helmholtzstraße
Bunsenstraße
Haustyp: Wohngebäude in
Zeilenbauweise
Geschossigkeit: 4-geschossig




Lage
Die Bebauung des Geländes an der Helmholtz- und Bunsenstrasse, inmitten des zur Bauzeit 1927/28 am dichtesten besiedelten Gebietes von Ottensen, gestaltete sich grundsätzlich problematisch, weil es zweiseitig umbaut und im Norden durch die Bahntrasse abgegrenzt war. Zudem war es nicht gut erschlossen. Die das Baufeld einfassenden Randstraßen gaben z. T. eine recht gestaltungslose Rückseitenansicht vor, während sich das Gelände im Norden und Osten leicht öffnete. Erschwerend zu der ohnehin belasteten städtebaulichen Eingliederung kam die sich rundherum betätigende Industrie.


Entwurf/ Material
Gustav Oelsners Planung sah die Schließung der Straßenzüge Helmholtz- und Bunsenstrasse vor, im Inneren wurden – erstmals in einer Großstadt Deutschlands – vier Wohngebäuderiegel in reiner Zeilenbauweise erbaut, zwischen denen Grünanlagen, Spielplätze und Ruhebereiche entstanden. Die Ausrichtung der Gebäude bedingte gute Voraussetzungen für Belichtung und Belüftung aller Wohnungen.

Wirkungsvoll erscheinen die Vor- und Rücksprünge in der Fassade, welche die Baukörper partitionieren und dazwischen hofartige Räume schaffen. An den Riegelköpfen seitens der Haupterschließung über die Bunsenstrasse sind Läden in Form von Pavillons ausgebildet, die durch filigrane und weit auskragende Betondächer sowie großflächige Schaufensterscheiben den Übergang von Außen nach Innen optisch überwinden.


Dieser wird durch abwechselungsreich gestaltete Hauseingänge weiter unterstützt: abgerundete Türgewände mit auskragenden Regenschutzdächern laden ebenso wie vorspringende, in Glas gehaltene Eingangsbereiche mit versprossten Seitenfenstern zum Eintritt ein. Die darüber befindlichen gläsernen Treppenhausbänder gliedern die horizontal ausgerichteten Baukörper vertikal. Auffallend an der schlichten Fassade sind die konsequent eingesetzten Übereckfenster, typische Merkmale der Bauweise der 20er Jahre.

Besonders stark im Kontrast zur benachbarten Wohnungsbebauung ist der konsequente Einsatz, der in Gelbtönen gehaltenen, unterschiedlich formatierten Klinkersteine bis zum ursprünglich vierten und letzten Obergeschoss, auf welchem eine umlaufende, fast lückenlose und in dunkelrot ausgebildete Klinkerbrüstung ruht. Die ursprünglichen Flachdächer wurden allerdings in den Jahren 1934/35, nach nationalsozialistischem Beschluss, in traditionelle Satteldächer umgebaut und sind in dieser Form bis heute erhalten.

Konstruktion
Der Entwurf Oelsners mit z. T. konstruktivistischer Glasarchitektur wird erst durch die damals neuartige Anwendung selbsttragender Betonbauelemente ermöglicht; auch Treppen werden erstmals in einer solchen vorgefertigten Form betoniert. Schon damals wurden lange Austrocknungszeiten durch den Einsatz von Heißluftgebläsen verkürzt und damit die Baufertigstellung vorangetrieben. Das die kubistische Form entscheidend prägende und zur Entstehungszeit innovative „Flachdach“ war leicht geneigt und geschickt hinter der aufgesetzten Rotklinker-Attika versteckt; der Eindruck des Flachdachs blieb vollkommen. Die Entwässerung erfolgte durch innenliegende Fallrohre.


Grundrisse
Die Grundrisse sind den Bedürfnissen der damaligen Zeit angepasst und stark funktional ausgebildet. Man gelangt über die kleinen Flure der jeweils gespiegelten 2-Zimmerwohnungen direkt in Wohn- und Schlafzimmer sowie in die Küche und zum WC. Jeder Küche ist ein Wirtschaftsbalkon sowie eine Speisekammer zugeordnet.

Fazit
Gustav Oelsners richtungsweisender Entwurf der Umgestaltung eines bereits partiell umbauten und relativ tiefen Platzes für Wohnzwecke könnte nachträglich selbstverständlich erscheinen: Zwei bestehende Blockränder im Süden und Westen wurden geschlossen und im übrigen Bereich vier parallel nord-südlich gerichtete Zeilen zwischen den Wohnstraßen angeordnet. Doch die neue Wohnbebauung inmitten eines stellenweise chaotisch organisierten Mischgebietes aus Industrie- und Wohnnutzung musste auf zwei bestehende Straßenzüge reagieren. Weiter gaben die unzulänglichen sozialen Verhältnissen der Zeit unumgängliche Vorgaben an mögliche Wohnungstypologien. Im Hinblick darauf erscheint die Lösung vorbildlich.

Oelsners Planung wirkt städtebaulich außergewöhnlich gut gelungen: Die Ausrichtung der Bauriegel gewährleistet in dem damals durch Industrie stark rauchbelasteten Ottensen das Durchdringen von „Licht und Luft“ in alle Wohnungen. Die dazwischen liegenden Wohnstraßen werden – entsprechend einer Anregung Fritz Schumachers – außerdem als gärtnerische Anlage zu Kinderspielplätzen und Ruheplätzen ausgebildet. Diese Großzügigkeit in der Raumaufteilung entspricht der damals hochmodernen sozialen Interpretation des „Neuen Bauens“.
Der 1934/35 veranlasste Umbau der Dächer durch die Nationalsozialisten mindert diesen Eindruck, verfälscht jedoch nicht das Bild. Materialwirkung, Reduktion der Stilmittel auf Wesentliches, gepaart mit einer raffinierten Anordnung der Baukörper erfüllen die Aufgabe der Präsentation neuer Sachlichkeit.

Die Strenge des Steinbaus relativiert sich durch die in ihrer ursprünglichen Gestaltung bis heute erhalten gebliebenen Grünanlagen in den Zwischenräumen. Bis ins Detail entworfene Elemente wie die Hauseingänge mit entsprechenden Treppenaufgängen und dazugehörigen Fenstern, oder an den Riegelköpfen detailliert ausgebildete Läden zeugen von einer übergeordneten Harmonie der Gesamtsituation und lassen die Übergänge vom Privaten ins Öffentliche fließen. Teils zu Wohnraum zweckentfremdete Läden mindern diesen Eindruck heute wenig.

Nicht verschwiegen werden soll das Problem der Annahme jener neuen Baukultur durch die ersten Bewohner, welche den Komplex mit „Zuchthausviertel“ titulierten. Erst allmählich bereitete das Bewohnen und Erleben zukunftweisender Architektur wie dieser den Weg hin zur Akzeptanz moderner Wohnformen. Und: „man stelle sich vor, was bei einem unbewachten Überlassen dieses Platzes an die Bauspekulation daraus geworden wäre“.

(Textbeitrag aus Ausstellungskatalog “stadt-visionen-antworten”)