K L I N K E R F A S S A D E N ALS AUSDRUCK DES NEUEN BAUENS
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Die Verwendung von Klinkern als Vormauersteine für
Fassaden war in den 20er Jahren sehr populär. Daran
ungewöhnlich war Oelsners Farbgestaltung der
Klinkerfassaden, ungewöhnlich auch die Art der
Vermauerung der Klinker sowie die Verwendung so
genannter „Fehlbrände“. Welche Tradition der
Fassadengestaltung fand Oelsner vor? Von welchen
Architekturströmungen ließ er sich anregen, um sie dann
umzuwandeln in einen eigenständigen Beitrag? Bei der
hier vorliegenden Untersuchung wurden die
Klinkerfassaden ausgewählt, die am deutlichsten
Oelsners Auseinandersetzung mit der Farbgestaltung
und der Art der Vermauerung dokumentieren.
Sie entstanden in der Zeit von 1924 bis 1928: Der
Wohnblock Düppelstraße, der erste Wohnblock mit der für
Oelsner typischen Art der Klinkervermauerung, in einer
Rot-Blau-Tönung, die außergewöhnliche Farbenpracht der
Wohnblöcke Schützenstraße und Helmholtzstraße, das
Graugelb der Wohnblöcke Bunsenstraße, Borselstraße und
Ohmstraße, der Wohnblock Bahrenfelder Steindamm in
Graugelb und Rot, der Wohnblock Lunapark und das
Schwesternhaus in der Allee in Ockergelb, die
Pestalozzischule in dunklen Rotschattierungen. Die
Mauerwerksfugen haben oft die Farbigkeit der Klinker.
Klinkerfassaden
Wohnquartier an der Düppelstraße
Diese beiden Wohnblöcke wurden im Krieg zerstört und - teils in Anlehnung an die alten
Entwürfe, teils stark entstellt - 1949-50 neu aufgebaut. Der Blick wird gefangen
genommen von der horizontalen Gliederung der Brüstungsbänder, die jeweils vom
Fenstersturz bis zur Sohlbank der
Fensterreihe des darüber
liegenden Geschosses reichen. Die
Wirkung wird hervorgerufen durch
die regellos hochkant vermauerten
Läufer, die die Brüstungsbänder
markieren. Die Lagerflächen der
Steine zeigen nach außen, zum
Betrachter. Die Läuferseiten sind
vermauert und dienen jetzt als
Lagerflächen. Die Binder mit der
hochkant gestellten Kopfseite sind
regellos hineingemauert. Die
zwischen den Fenstern jeweils
eines Geschosses vermauerten
Klinkerbänder zeigen wieder mit
der Läuferseite nach außen. Diese Steine sind etwas tiefer in die Fassade hineingesetzt
als die Brüstungsbänder. Der Eindruck des Horizontal-Fließenden verstärkt sich dadurch.
Die Gliederung der Fassade mit der auffallenden Horizontalität wird durch den Ersatz der
ehemaligen Sprossenfenster durch Zweischeibenfenster (Iso-Fenster) unterschiedlichen
Materials leider beeinträchtigt.
Wohnblock Schützenstraße
Das Erdgeschoss beginnt mit Lagerfläche
auf Lagerfläche gemauerten Klinkern,
diese schließen bündig mit den Fenstern
ab. Ab Oberkante der Erdgeschossfenster
erstreckt sich - etwas hervorstehend
- das horizontale Brüstungsband der
hochkant gesetzten Steine bis zur
Unterkante der Fensterreihe des
1. Obergeschosses. Bis zur Traufe
wechseln dann die Reihen der
flachgemauerten Klinker mit den Reihen
der hochkant gemauerten Klinker, bei
denen die Lagerfläche nach außen zeigt.
Die Fugen sind ockergelb. Die Steingröße
beträgt wieder 21 x 10 x 5 cm; sie sind
aber unregelmäßig. Manchmal sind die Läufer auch 21,5 oder 22 cm lang. Nach Auskunft
des Denkmalschutzamtes wurde das Mauerwerk zweischalig ausgeführt; die
Klinkerverkleidung mit Luftschicht vor das tragende Mauerwerk gesetzt. Die Farben Rot,
Hellrot, Rotbraun, Grau, Anthrazit, Braun, Grüngrau... scheinen zufällig zusammengesetzt,
insgesamt dominiert aber ein Rotbraun, eine „herbstlaub-ähnliche“ Farbigkeit. Diese
Farbigkeit scheint eine große Wärme und Lebendigkeit auszustrahlen, etwas Heiteres
und Unbeschwertes.
Oelsner ließ auch einige angesinterte, durch Fehlbrände geschwärzte Steine - etwas
hervorstehend - in die Fassade einsetzen. Maßvoll über das Mauerwerk verteilt, wirken
sie wie Schmuckstücke. Diese geborstenen, geschwärzten Steine entstanden im
Fertigungsprozess als Zufallsprodukt infolge des Brandes. Sie waren Mitte der 20er Jahre
sehr begehrt, um eine Abgrenzung von den gleichmäßigen, reinfarbigen, industriell
hergestellten Verblendern der Gründerjahre zu dokumentieren.
Wohnquartier Helmholtz- und Bunsenstraße
Im Erdgeschoss sind die Klinker bis zur Oberkante
Fenster, wie in der Schützenstraße, Lagerfläche auf
Lagerfläche vermauert, so dass die Läuferseiten
sichtbar sind. Diese Schicht ist etwas zurückgesetzt.
Dann zeigen - ununterbrochen in einer glatten
Fläche vom 1. Obergeschoss bis zum Dachgeschoss -
die Lagerflächen der Klinker nach außen, mit
vereinzelt vermauerten Bindern mit hochkant
gestellter Kopfseite. Steingröße 21 x 10 x 5 cm,
die Läufer sind manchmal 21,5 und 22 cm lang.
Anders als die fröhlich wirkende Schützenstraße
verströmt die Helmholtzstraße einen leicht
morbiden Charme, hervorgerufen möglicherweise
durch die große Anzahl der fast weißen und
elfenbeinfarbenen Klinker im wechselnden Rot,
Tiefblau und Violett. Hier scheinen die kalten
Farbtöne zu dominieren. Das Dachgeschoss ist mit
dunkelrot bebänderter Klinkerung gemauert und
wirkt seltsam schwerlastend. Oelsner hatte den
Wohnblock Helmholtzstraße mit flachem Dach
konzipiert; die dunkelrote Klinkerbänderung bildete
den Dachabschluss. Sie wies nur kleine
Bodenraumfenster auf. Bei den Bauten des
2. Bauabschnittes des Wohnquartiers
Helmholtzstraße und Bunsenstraße (erbaut 1927)
deutet sich schon die Zurückhaltung in der Farbgebung an, die Oelsner dann mit den
Bauten „Schwesternhaus“ und „Lunapark“ fortführt. Die Art der Vermauerung der
Klinker ist dieselbe wie im ersten Bauabschnitt aber ein Graugelb herrscht vor, nur
vereinzelt unterbrochen durch rote, blaue und grüne, auch schwarze und violette Steine.
Schwesternhaus an der Allee
Die Farbenpracht wurde wieder
zurückgenommen: Ab 1927 wich die
Vielfarbigkeit einem weniger spektakulären
aber immer noch lebendigen Ockergelb in
heller bis brauner Tönung. Die Fassade ist
ockergelb, mit vereinzelten Steinen nur in
Rot, Grün, Schwarz. Wieder wurden einige
geschwärzte Fehlbrandsteine eingesetzt.
Auch beim Schwesternhaus sind die Klinker
bis Oberkante Fenster im Erdgeschoss
Lagerfläche auf Lagerfläche im regellosen
Verband vermauert, ebenso zwischen den
Fenstern jeweils eines Geschosses. Die
Brüstungsbänder unter den Fensterreihen
der Geschosse sind wieder dargestellt durch die zum Betrachter zeigenden Lagerflächen
der Steine. Anders als im Wohnblock Schützenstraße und Koldingstraße ziehen sich die
unterschiedlich vermauerten Schichten in einer durchgehenden Fläche vom Sockel bis
zum Dachrand nach oben, ohne zentimeterbreite Vor- und Rücksprünge des
Brüstungsbandes. Dadurch schließen auch die Oberkanten und Unterkanten der Fenster
bündig mit der Fassade ab. Nur die schmalen Sohlbänke ragen ein wenig aus der Fassade
heraus.
Wohnblock Bahrenfelder Steindamm/ Thomasstraße
Wieder zeigen zwischen den Fenstern jeweils
eines Geschosses die schmalen Läuferseiten der
Klinker nach außen. Diese Steine sind in
unterschiedlichen, dennoch einheitlich wirkenden
Rottönen gehalten, mit einigen wenigen
schwarzen, blauen und violetten Steinen. Die
horizontalen Brüstungsbänder unter den
Fensterreihen - diesmal auch unter der
Fensterreihe des Erdgeschosses - sind
akzentuiert durch die gelb-graue Farbe der
Klinker, durch die Lagerflächen der Klinker und
durch die zentimeterbreiten Vorsprünge vor den
roten Klinkerschichten. Das oberste
Brüstungsband ist sehr viel breiter als die unteren
Horizontalbänder und vermittelt Schwere und
Zusammenhalt des großen Gebäudes. Es wirkt
in nichts bedrückend.
Pestalozzischule
Die Betonskelettkonstruktion ist mit dunkelrotem
Klinker in gering wechselnden Schattierungen
verkleidet. Auch hier findet man den durch die
Fensterreihen bestimmten Wechsel der
Läuferseitenund Lagerflächen-Schichten. Die
Fassaden sind glatt, der Wechsel der Schichten
wird nicht zusätzlich durch Vor- und Rücksprünge
betont. Der Grund dafür sind möglicherweise die
unterschiedlichen Fenstergrößen. Die
angesinterten, verbrannten Steine wurden hier
nicht eingesetzt - vielleicht passten sie nicht zur
Funktion einer Schule, die repräsentativer wirken
sollte.
Wohnblock Lunapark
Dieser Wohnblock wurde nach Beschädigungen
durch Luftangriffe wiederhergestellt und in den
Jahren 1999 und 2000 grundsaniert. Auch hier
wieder der Wechsel zwischen den Läuferseiten
und Lagerflächen der Klinker. Die
Brüstungsbänder weisen wieder einen Vorsprung
auf. Die Klinkerfarben sind zurückhaltend
ockergelb mit unterschiedlichen Grüntönen.
Beide Farben sollten wohl mit der Patina des mit
Kupfer verkleideten Staffelgeschosses
korrespondieren: Die beiden sechs- und
fünfstöckigen Wohnblöcke stoßen in großzügiger
Flächenkombination zusammen. Beide sind in
gelbem Klinker mit gelben Fugen ausgeführt, das
Staffelgeschoss ist mit Kupferplatten abgedeckt,
deren künftige Patina zur Farbe des Klinkers eine
wirkungsvolle Ergänzung verspricht.
(Textbeitrag aus Ausstellungskatalog “stadt-visionen-antworten”)
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