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GUSTAV OELSNER - Architekt für Altona
1879 - 1956
Städtebau der 20er Jahre

Generalsiedlungsplan
Grüngürtel
Altonaer Volkspark
Elbparks
Klinkerfassaden



           

K L I N K E R F A S S A D E N   ALS AUSDRUCK DES NEUEN BAUENS


  Die Verwendung von Klinkern als Vormauersteine für Fassaden war in den 20er Jahren sehr populär. Daran ungewöhnlich war Oelsners Farbgestaltung der Klinkerfassaden, ungewöhnlich auch die Art der Vermauerung der Klinker sowie die Verwendung so genannter „Fehlbrände“. Welche Tradition der Fassadengestaltung fand Oelsner vor? Von welchen Architekturströmungen ließ er sich anregen, um sie dann umzuwandeln in einen eigenständigen Beitrag? Bei der hier vorliegenden Untersuchung wurden die Klinkerfassaden ausgewählt, die am deutlichsten Oelsners Auseinandersetzung mit der Farbgestaltung und der Art der Vermauerung dokumentieren.

Sie entstanden in der Zeit von 1924 bis 1928: Der Wohnblock Düppelstraße, der erste Wohnblock mit der für Oelsner typischen Art der Klinkervermauerung, in einer Rot-Blau-Tönung, die außergewöhnliche Farbenpracht der Wohnblöcke Schützenstraße und Helmholtzstraße, das Graugelb der Wohnblöcke Bunsenstraße, Borselstraße und Ohmstraße, der Wohnblock Bahrenfelder Steindamm in Graugelb und Rot, der Wohnblock Lunapark und das Schwesternhaus in der Allee in Ockergelb, die Pestalozzischule in dunklen Rotschattierungen. Die Mauerwerksfugen haben oft die Farbigkeit der Klinker.



Klinkerfassaden

Wohnquartier an der Düppelstraße

Diese beiden Wohnblöcke wurden im Krieg zerstört und - teils in Anlehnung an die alten Entwürfe, teils stark entstellt - 1949-50 neu aufgebaut. Der Blick wird gefangen genommen von der horizontalen Gliederung der Brüstungsbänder, die jeweils vom Fenstersturz bis zur Sohlbank der Fensterreihe des darüber liegenden Geschosses reichen. Die Wirkung wird hervorgerufen durch die regellos hochkant vermauerten Läufer, die die Brüstungsbänder markieren. Die Lagerflächen der Steine zeigen nach außen, zum Betrachter. Die Läuferseiten sind vermauert und dienen jetzt als Lagerflächen. Die Binder mit der hochkant gestellten Kopfseite sind regellos hineingemauert. Die zwischen den Fenstern jeweils eines Geschosses vermauerten Klinkerbänder zeigen wieder mit der Läuferseite nach außen. Diese Steine sind etwas tiefer in die Fassade hineingesetzt als die Brüstungsbänder. Der Eindruck des Horizontal-Fließenden verstärkt sich dadurch. Die Gliederung der Fassade mit der auffallenden Horizontalität wird durch den Ersatz der ehemaligen Sprossenfenster durch Zweischeibenfenster (Iso-Fenster) unterschiedlichen Materials leider beeinträchtigt.

Wohnblock Schützenstraße
Das Erdgeschoss beginnt mit Lagerfläche auf Lagerfläche gemauerten Klinkern, diese schließen bündig mit den Fenstern ab. Ab Oberkante der Erdgeschossfenster erstreckt sich - etwas hervorstehend - das horizontale Brüstungsband der hochkant gesetzten Steine bis zur Unterkante der Fensterreihe des 1. Obergeschosses. Bis zur Traufe wechseln dann die Reihen der flachgemauerten Klinker mit den Reihen der hochkant gemauerten Klinker, bei denen die Lagerfläche nach außen zeigt. Die Fugen sind ockergelb. Die Steingröße beträgt wieder 21 x 10 x 5 cm; sie sind aber unregelmäßig. Manchmal sind die Läufer auch 21,5 oder 22 cm lang. Nach Auskunft des Denkmalschutzamtes wurde das Mauerwerk zweischalig ausgeführt; die Klinkerverkleidung mit Luftschicht vor das tragende Mauerwerk gesetzt. Die Farben Rot, Hellrot, Rotbraun, Grau, Anthrazit, Braun, Grüngrau... scheinen zufällig zusammengesetzt, insgesamt dominiert aber ein Rotbraun, eine „herbstlaub-ähnliche“ Farbigkeit. Diese Farbigkeit scheint eine große Wärme und Lebendigkeit auszustrahlen, etwas Heiteres und Unbeschwertes.

Oelsner ließ auch einige angesinterte, durch Fehlbrände geschwärzte Steine - etwas hervorstehend - in die Fassade einsetzen. Maßvoll über das Mauerwerk verteilt, wirken sie wie Schmuckstücke. Diese geborstenen, geschwärzten Steine entstanden im Fertigungsprozess als Zufallsprodukt infolge des Brandes. Sie waren Mitte der 20er Jahre sehr begehrt, um eine Abgrenzung von den gleichmäßigen, reinfarbigen, industriell hergestellten Verblendern der Gründerjahre zu dokumentieren.

Wohnquartier Helmholtz- und Bunsenstraße
Im Erdgeschoss sind die Klinker bis zur Oberkante Fenster, wie in der Schützenstraße, Lagerfläche auf Lagerfläche vermauert, so dass die Läuferseiten sichtbar sind. Diese Schicht ist etwas zurückgesetzt. Dann zeigen - ununterbrochen in einer glatten Fläche vom 1. Obergeschoss bis zum Dachgeschoss - die Lagerflächen der Klinker nach außen, mit vereinzelt vermauerten Bindern mit hochkant gestellter Kopfseite. Steingröße 21 x 10 x 5 cm, die Läufer sind manchmal 21,5 und 22 cm lang. Anders als die fröhlich wirkende Schützenstraße verströmt die Helmholtzstraße einen leicht morbiden Charme, hervorgerufen möglicherweise durch die große Anzahl der fast weißen und elfenbeinfarbenen Klinker im wechselnden Rot, Tiefblau und Violett. Hier scheinen die kalten Farbtöne zu dominieren. Das Dachgeschoss ist mit dunkelrot bebänderter Klinkerung gemauert und wirkt seltsam schwerlastend. Oelsner hatte den Wohnblock Helmholtzstraße mit flachem Dach konzipiert; die dunkelrote Klinkerbänderung bildete den Dachabschluss. Sie wies nur kleine Bodenraumfenster auf. Bei den Bauten des 2. Bauabschnittes des Wohnquartiers Helmholtzstraße und Bunsenstraße (erbaut 1927) deutet sich schon die Zurückhaltung in der Farbgebung an, die Oelsner dann mit den Bauten „Schwesternhaus“ und „Lunapark“ fortführt. Die Art der Vermauerung der Klinker ist dieselbe wie im ersten Bauabschnitt aber ein Graugelb herrscht vor, nur vereinzelt unterbrochen durch rote, blaue und grüne, auch schwarze und violette Steine.

Schwesternhaus an der Allee
Die Farbenpracht wurde wieder zurückgenommen: Ab 1927 wich die Vielfarbigkeit einem weniger spektakulären aber immer noch lebendigen Ockergelb in heller bis brauner Tönung. Die Fassade ist ockergelb, mit vereinzelten Steinen nur in Rot, Grün, Schwarz. Wieder wurden einige geschwärzte Fehlbrandsteine eingesetzt. Auch beim Schwesternhaus sind die Klinker bis Oberkante Fenster im Erdgeschoss Lagerfläche auf Lagerfläche im regellosen Verband vermauert, ebenso zwischen den Fenstern jeweils eines Geschosses. Die Brüstungsbänder unter den Fensterreihen der Geschosse sind wieder dargestellt durch die zum Betrachter zeigenden Lagerflächen der Steine. Anders als im Wohnblock Schützenstraße und Koldingstraße ziehen sich die unterschiedlich vermauerten Schichten in einer durchgehenden Fläche vom Sockel bis zum Dachrand nach oben, ohne zentimeterbreite Vor- und Rücksprünge des Brüstungsbandes. Dadurch schließen auch die Oberkanten und Unterkanten der Fenster bündig mit der Fassade ab. Nur die schmalen Sohlbänke ragen ein wenig aus der Fassade heraus.

Wohnblock Bahrenfelder Steindamm/ Thomasstraße
Wieder zeigen zwischen den Fenstern jeweils eines Geschosses die schmalen Läuferseiten der Klinker nach außen. Diese Steine sind in unterschiedlichen, dennoch einheitlich wirkenden Rottönen gehalten, mit einigen wenigen schwarzen, blauen und violetten Steinen. Die horizontalen Brüstungsbänder unter den Fensterreihen - diesmal auch unter der Fensterreihe des Erdgeschosses - sind akzentuiert durch die gelb-graue Farbe der Klinker, durch die Lagerflächen der Klinker und durch die zentimeterbreiten Vorsprünge vor den roten Klinkerschichten. Das oberste Brüstungsband ist sehr viel breiter als die unteren Horizontalbänder und vermittelt Schwere und Zusammenhalt des großen Gebäudes. Es wirkt in nichts bedrückend.

Pestalozzischule
Die Betonskelettkonstruktion ist mit dunkelrotem Klinker in gering wechselnden Schattierungen verkleidet. Auch hier findet man den durch die Fensterreihen bestimmten Wechsel der Läuferseitenund Lagerflächen-Schichten. Die Fassaden sind glatt, der Wechsel der Schichten wird nicht zusätzlich durch Vor- und Rücksprünge betont. Der Grund dafür sind möglicherweise die unterschiedlichen Fenstergrößen. Die angesinterten, verbrannten Steine wurden hier nicht eingesetzt - vielleicht passten sie nicht zur Funktion einer Schule, die repräsentativer wirken sollte.


Wohnblock Lunapark
Dieser Wohnblock wurde nach Beschädigungen durch Luftangriffe wiederhergestellt und in den Jahren 1999 und 2000 grundsaniert. Auch hier wieder der Wechsel zwischen den Läuferseiten und Lagerflächen der Klinker. Die Brüstungsbänder weisen wieder einen Vorsprung auf. Die Klinkerfarben sind zurückhaltend ockergelb mit unterschiedlichen Grüntönen. Beide Farben sollten wohl mit der Patina des mit Kupfer verkleideten Staffelgeschosses korrespondieren: Die beiden sechs- und fünfstöckigen Wohnblöcke stoßen in großzügiger Flächenkombination zusammen. Beide sind in gelbem Klinker mit gelben Fugen ausgeführt, das Staffelgeschoss ist mit Kupferplatten abgedeckt, deren künftige Patina zur Farbe des Klinkers eine wirkungsvolle Ergänzung verspricht.

(Textbeitrag aus Ausstellungskatalog “stadt-visionen-antworten”)