S C H W E S T E R N W O H N H E I M
| |
Lage
Das städtische Krankenhaus Altona
wurde 1859 von dem damaligen
Stadtbaumeister Oswald Winkler errichtet.
Es ist ein Backsteinbau, der in seiner
Gestaltung den Idealen der
„Hannoverschen Schule“ folgt, und sich
somit an der mittelalterlichen, gotischen
Formensprache orientiert, siehe z. B.
die Gebäude in der Hamburger
Speicherstadt. In „gesunder“ Lage am
damaligen Stadtrand und in einem Park
gelegen, war es einer der ersten
kommunalen Bauten, der die damalige
Straße „Allee“, heute Max-Brauer-Allee,
säumte.
Die Leitung des Krankenhauses war
bestrebt, immer auf dem neuesten Stand
der Wissenschaft zu sein, und die
Stationen waren dementsprechend
eingerichtet.
Das Krankenhaus Altona wurde europaweit
als eines der besten Krankenhäuser
anerkannt und ständig erweitert. 1914 jedoch
hemmte der Beginn des Ersten Weltkrieges
die weitere Entwicklung des Hauses. Da die
Krankenzahl immer mehr anwuchs, mussten
die Personal- und Büroräume als
Krankenzimmer eingerichtet werden. Das
Hauspersonal fand im Krankenhaus keine
Unterkunft mehr und musste in der Stadt
wohnen. Seit 1918 wurde das Krankenhaus
kontinuierlich erweitert. 1921 wurden die
bestehenden Baracken durch Neubauten
ersetzt, zusätzlich entstand 1922 ein
Badehaus. 1923 gründete die Stadt Altona
eine eigene städtische Schwesternschaft. Ziel war es, den Krankenschwestern eine
Arbeit unabhängig von ihrer Konfession zu ermöglichen. Ebenfalls sollte ihre soziale
und wirtschaftliche Stellung aufgewertet werden. War die Versorgung der Kranken
bis ca. 1880 nur von „Wärterinnen“ mit geringen medizinischen Kenntnissen
durchgeführt worden, so stieg mit der wachsenden Zahl der Kranken auch der
Anspruch an das Pflegepersonal und damit an die Stadt, für eine bessere medizinische
Ausbildung zu sorgen.
Das neue „Haus der Schwesternschaft“ sollte den nötigen Rahmen für diese
Veränderungen schaffen. Es wurde von Gustav Oelsner entworfen und von der Stadt
Altona gebaut. 1927 erfolgte die feierliche Einweihung durch den Oberbürgermeister
Max Brauer.
Architektur
Das Schwesternhaus, ein kubischer,
flachgedeckter und nüchterner Bau aus
warmen ockergelben Klinkern, füllte eine
bedeutsame Lücke im Stadtraum. Es ist
ein 4-geschossiger L-förmiger Baukörper
in markanter Ecklage, der sowohl an die
Wohnbebauung der Straße als auch an
die Gebäude des städtischen
Krankenhauses anschließt. Die oberste
Etage ist als Staffelgeschoss ausgebildet;
der Eingang wird mit einem Vordach
betont. Die kubische Form und ebenso
das Flachdach waren für die damalige
Zeit absolut ungewöhnlich.
Im Vergleich zur angrenzenden Wohnbebauung, die noch auf die historisierende
Formensprache zurückgeht und klassizistische Gestaltungselemente in der
Fassadengliederung aufweist, wird hier die Reduktion auf die Form besonders deutlich.
Das Schwesternhaus ist ein Bau von klarer Eleganz. Die Fenstertüren zur Straße im
Erdgeschoss sind mit großen, seegrünen Milchglasscheiben verglast. Eckfenster
akzentuierten das erste und zweite Obergeschoss.
Das Schwesternhaus ist mit 50 Wohn- und Schlafräumen sowie gemeinschaftlichen
Koch- und Sanitäranlagen ausgestattet.
Oelsner wies die bereits
angeschaffte Inneneinrichtung
für das Schwesternhaus als
funktionell unzulänglich ab und
belastete durch den Kauf
passenderen Mobiliars den
Stadtetat mit rund 80.000
Mark. Die angeschafften Möbel
entsprachen seiner
Architekturauffassung, die selbst
sechs Jahre später noch die
Gemüter bewegte und nach 1933
zu einer Anklage gegen ihn führte,
die ihm die Vergeudung von
Haushaltsmitteln vorwarf. Einige
Architekten sprachen im Übrigen
von einer Verschandelung der
ganzen Gegend durch den Bau
des neuen Heimes.
1943 wurde das Schwesternhaus teilweise
zerstört und 1948 wieder aufgebaut. Bis
1970 wurde es im Rahmen des
Krankenhausbetriebes genutzt. Mit der
Aufgabe des Standortes Max-Brauer- Allee
nach dem Krankenhausneubau in
Othmarschen bezog dann die Behörde für
Gesundheit und Soziales die Räumlichkeiten.
Im Gegensatz zum Krankenhaus wirken beim
Schwesternhaus die Steine von weitem nicht
als homogene Fläche. Die Fassade ist
ockergelb, mit vereinzelten Steinen in Rot,
Grün, Schwarz.
Zusätzlich wurden einige geschwärzte
Fehlbrandsteine eingesetzt. Die Klinker sind
bis zur Oberkante der Fenster im Erdgeschoss
Lagerfläche auf Lagerfläche im regellosen
Verband vermauert, ebenso zwischen den
Fenstern jeweils eines Geschosses. Die
Brüstungsbänder unter den Fensterreihen der
Geschosse sind wieder durch die zum
Betrachter zeigenden Lagerflächen der Steine
betont. Die unterschiedlich vermauerten
Schichten ziehen sich in einer durchgehenden
Fläche vom Sockel bis zum Dachrand nach
oben. Die Oberkanten und Unterkanten der
Fenster schließen mit der Fassade bündig ab,
nur die schmalen Sohlbänke ragen ein wenig
aus der Fassade heraus. Der Gesamteindruck
des Gebäudes als geschlossener Kubus wird
durch die bündigen Fenster verstärkt. Das
neben dem Verbindungsgang zum
Krankenhaus liegende Fenster springt als
einziges zurück und gibt den Blick auf den
Sturz frei. Für die damalige Zeit untypisch ist
ebenfalls Oelsners Umgang mit der
Gebäudeecke. So findet sich hier kein Erker,
wie er noch um die Jahrhundertwende
eingesetzt wurde, sondern nur die Fenster,
die die Ecke sachlich umgreifen. Der Eingang
des Schwesternhauses liegt nicht an der
Straße, sondern ist dem Park vor dem
ehemaligen Haupteingang des Krankenhauses
Altona zugewandt. Dies macht die Beziehung
zum Krankenhaus deutlich.
Als Orientierungshilfe, um den Eingang zu
finden, ist ein Vordach darüber gesetzt
worden. Das Treppenhaus wird über einen
vertikal hochlaufenden Glasvorbau belichtet,
der ebenfalls bündig mit der Fassade
abschließt. Im Gegensatz zur äußeren Hülle
sind im Innenbereich die Übergänge
zwischen Wand und Decke ausgerundet,
ebenso die Raumecken. Auch die im
Treppenhaus stehenden Wandscheiben
weisen diese Rundungen auf.
Fazit
Mittlerweile ist durch eine Umstrukturierung
der Verwaltung in Hamburg die Behörde für
Gesundheit und Soziales ausgezogen, und
das Schwesternhaus wird zukünftig für
schulische Ausbildungszwecke verwendet.
Die Räume des ehemaligen Krankenhauses
Altona werden heute von einer
Fachoberschule genutzt.
(Textbeitrag aus Ausstellungskatalog “stadt-visionen-antworten”)
|
|
|